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Inselmoral

„Nirgends ist man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“

Sie muss es gewusst haben. Sie, das war der berühmte Stummfilmstar Asta Nielsen, der wenige Meter von hier in seinem berühmten Haus „Karusel“ die Sommermonate der 20er Jahre verbrachte.

Ich denke oft an sie. So oft, wie ich an ihrem Haus vorbeikomme. Auf dem Weg zum Strand. Auf dem Weg vom Strand. Oder wenn ich den Deich entlang gehe von Vitte hierher zum Seglerhafen und mein Auge an dem lustigen runden Gebäude hängenbleibt.

„Hier wohnte die Sünde“, flüstere ich meinem Mann mit einem verstohlenen Blick in den kleinen grünen Garten zu. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass Asta ihren Ringelnatz im Garten verführte. Sie hat ihn wohl dort empfangen, eine kühle Limonade oder einen leckeren Rotwein kredenzt. Zum einen, um zumindest den Anschein von Anstand zu wahren. Eher aber, um gedanklich die Vorfreude auf kommendes zu verlängern.

Was mag er wohl gedacht haben, wenn sie ihm dort im Garten am Tisch gegenüber saß? Der Träger ihres dünnen Kleidchens wie unbeabsichtigt über ihre Schulter rutschte? Hat er sich neben sie gesetzt, ihr einen zarten Kuss auf die soeben entblößte Haut gehaucht? Eine Hand ihre Beine entlang wandern, die Barriere des Rocksaums überwinden lassen?

Oder hat er, wie ein schneidiger Kutscher zu berichten weiß, nachts an ihre Tür geklopft? Ihre vom Mondschein beleuchtete Silhouette betrachtet, wie sie so da stand in ihrem Unterkleid, eine Hand noch auf der Türklinke? Hat er sich in diesem Moment überlegt, was er gleich mit ihr, sie gleich mit ihm tun wird?

Mein Mann zweifelt vernünftig ob der Gefahren einer drohenden Schwangerschaft in der damaligen Zeit. Mir jedoch fällt der Reisebericht eines gewissen Johann Friedrich Zöllner von 1795 über Hiddensee ein, in dem er berichtet, dass Knechte und Mägde sich eine Kammer mit eng aneinander stehenden Betten zu teilen hatten, es jedoch so gut wie nie zu unehelich geborenen Kindern kam.

Erzähle mir keiner, dass da jeder in seinem eigenen Bett gelegen hat, wenn der eisige Sturm um die undichte Hütte pfiff. Wenn das Gesinde schon im 18. Jahrhundert auf dieser Insel davon Kenntnis hatte, wie man sich gegenseitig warmhalten und gleichzeitig aneinander erfreuen kann, ohne schwanger zu werden, dann wussten auch Asta Nielsen und der gute Ringelnatz über derlei Möglichkeiten Bescheid.

Vielleicht aber war es ihnen auch einfach egal. Wie ihre Begegnungen in diesem Fall ausgesehen haben mögen, das überlege ich mir nachher ... auf dem Weg zum Strand.

 

21.7.10 16:56

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