Letztes Feedback

Meta





 

Hafenerinnerungen

Das Leben hier im Hafen von Dänholm ist beschaulich. Selbst das trübe Wasser ist zu träge, um sich sichtbar zu bewegen. Würden die nachdrängenden Wassermassen des Strelasund nicht schubsend und drängend dafür sorgen, dass sie Einlass finden, würde nicht ab und zu ein vorbeischleichendes Boot winzige Wellen verursachen, ich könnte meinen, die Welt um mich herum stünde still.

Bewegung ist auf der großen blauen Brücke, die Rügen mit dem Festland verbindet. Aber selbst die Autos, die dort oben in die eine oder andere Richtung ihrem Ziel entgegenstreben, wirken von hier unten langsam und zögerlich.

So sehr ich die Ruhe hier mag, so gerne erinnere ich mich an Hafenszenen vergangener Zeiten. Ich sehe mich einige Jahre zuvor unter der Regenplane im Cockpit eines Internationalen Folkebootes sitzen. Es war ein verregneter Sommer. Kein Vergleich zu den sonnengetränkten Tagen, an denen ich mich in diesem Urlaub erfreue.

Noch heute sucht mich ein amüsiertes Erstaunen heim, wenn ich an die Mannschaft des Nachbarschiffes denke. Es war ein älteres Ehepaar – aus damaliger unter dreißigjähriger Sicht. Heute würde ich im Hinblick auf meine eigene schon sehr fortgeschrittene Jugendlichkeit etwas wertefreier formulieren: Sie waren wenige Jahre jenseits der 50.

Ich verbrachte fast eine Woche dort im Hafen von Klintholm und schon nach kürzester Zeit begann mich das stundenglasgenaue Treiben auf dem Nachbarboot zu faszinieren.

Der Tag begann pünktlich um 7:15 Uhr mit dem feierlichen Entrollen und Aufstecken der Nationalfahne, unter Yachtsportlern liebevoll Adenauer genannt. Natürlich vom männlichen Teil der Mannschaft, derweil der weibliche Teil zunächst flugs den Kaffee zubereitete. Kaum war der Adenauer gemäß den allen Seeleuten bekannten Maßgaben ordnungsgemäß am Boot befestigt, konnte der Mann sich nun beruhigt, sogar sichtlich entspannt, der ersten Tasse Kaffee widmen. Das Boot befand sich der Etikette gemäß in einem einwandfreien Zustand.

Ich gebe zu, damals war ich mehr als verwundert, dass dieses gewienerte und mit aller erdenklichen Liebe gepflegte Schiffchen eine so dermaßen zerschlissene Nationalfahne zur Schau stellte. Das kleine Handbuch für den Yachtsport gab mir aber schnell Auskunft: Unter Fahne versteht man ein Stück Tuch, das an einem Stock befestigt wird. Die Fahne wird getragen oder aufgestellt und nicht erneuert, sondern in ihrer ursprünglichen Form so lange wie möglich aufbewahrt, da sie in ihrer Gesamtheit ein Symbol darstellt.

Kein Grund also, dem auf alle Sorgfalt bedachten Mann auch nur im verborgendsten Winkel meiner Gedanken Nachlässigkeit anzukreiden.

Für die erste Tasse Kaffee blieb dem guten Mann nach dieser wichtigen Amtspflicht genau bis 7:30 Uhr Zeit, dann stand das Frühstück auf dem Tisch und auch die Frau durfte sich endlich niedersetzen. Exakt zwei Stunden gaben die beiden sich dem Mahl und diversen Zeitungen hin. Dann gab es ein Signal. Welches, das habe ich in der ganzen Woche nicht herausfinden können. Es muss aber eines gegeben haben, denn um Punkt 9:30 Uhr sprangen beide auf und trugen das Geschirr ins Innere ihres Bootes. Weitere zehn Minuten später ertönte das laute Tösen des Staubsaugers. Jeden Tag. Jeden Morgen um 9:30 Uhr und genau 25 Minuten lang.

Es konnte nur eine einzige Unterbrechung geben: Hatte es bereits geregnet und gab es innerhalb dieser 25 min eine Unterbrechung des Regenschauers, stürmten beide mit je einem trockenen Tuch bewaffnet an Deck, um es trocken zu wischen. Nicht nur das Deck erfuhr diese liebevolle Zuwendung. An den Wanten und Stagen streckte der Mann sich zur ihm größtmöglichen Höhe, um diese, so weit bzw. hoch es ihm möglich war, zu trocknen.

Das ganze hatte fast den Anschein eines Wettkampfes, gab es doch mindestens stündlich Regenschauer. Jeder Wassertropfen musste von dem Paar unverzüglich beseitigt werden.

Wenn nun also die größte Attraktion dieses Tages die Jugendlichen sind, die am gegenüberliegenden Steg ein Wettspringen ins Wasser veranstalten, dann schließe ich meine Augen. Ich stelle mir vor, wie das Paar aus Klintholm gerade sorgenvoll den Himmel nach Regenwolken absucht und erfreue mich an meiner eigenen Unbekümmertheit bezüglich derartiger Herausforderungen.

9.7.10 18:37

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen