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Die Diva vom Strelasund

Auf der anderen Seite des Hafens steht die Motorsäge kaum eine Minute dieses warmen sonnigen Tages still. Über den grünen Büschen einer Hecke – ganz leicht verdeckt vom Holzmast eines kleinen Segelbootes – erhebt sich eine Statue aus grau gebleichtem Holz. Eine propere vollbusige Schöne sitzt auf einem Delphin. Oder reitet sie?

Sie hält sich zum Schutz vor der Sonne die Hand über die Augen und späht über Masten und vorbei an einem rotbraunen Gebäude auf den Strelasund. Dass sie keine gewöhnliche Frau ist, ist klar. Welch gewöhnliche Frau sitzt oder reitet auf einem Delphin? Der wiederum sich über einem doppelköpfigen zähnefletschenden Ungeheuer befindet?

Ihr seltsames Reitgespann scheint sie nicht weiter zu beunruhigen. Sie kennt es nicht anders. Sie ist die Herrin.

Wie eine Diva thront sie auf ihren Untertanen. Und sie weiß genau: so grimmig die Knechte auch die Augen rollen lassen, so sehr sie jeden geschenkten Zentimeter ihrer imaginären Leine für ihre wildphantastische Freiheit nutzen: ein Schnalzen von ihr lässt sie demütig die einem Phallus ähnelnden Dornen auf ihren Köpfen senken. So verheißungsvoll auch die Verlockungen rundherum sein und wunderbar die gestohlenen Früchte am Wegesrand schmecken mögen: Es käme ihnen nicht in den Sinn, die Bequemlichkeit ihres goldenen Nestes zu verlassen. Ihre Mahlzeiten werden ihnen auf goldenem Löffel gereicht. Wenn auch selten und ohne Raffinesse zubereitet, so doch regelmäßig genug, um aus wilden und freiheitsliebenden Kreaturen demütige und ergebene Diener zu machen.

Wonach hält die schöne Nackte Ausschau? Oder nach wem? Von einer Seite von der Sonne beschienen, halb vom Schatten bedeckt, erinnert ihre fahle Farbe mich an die Ureinwohnerin eines Dschungels, die sich ihren nicht mehr jugendlichen Körper mit Muschelkalk bestrichen hat.

Was lässt ihren Blick so sehnsuchtsvoll und wartend in die Ferne schweifen? Ist es die Hoffnung auf einen mindestens ebenbürtigen Herrn, der es mit seiner Kraft und Stärke vermag, die lang erloschene Lust wieder in ihr zu wecken? Der sich ihrem gebieterischen Gehabe mit einem kühnen Blick, einer archaischen Geste zu widersetzen vermag? Der allein mit dem ungezügelten Ausdruck der Gier in seinem Gesicht das Feuer zwischen ihren Schenkeln entfacht?

Die Säge steht still. Ihr Besitzer, der Erschaffer der Diva, die ihre großen Brüste so stolz vor sich hin trägt, sammelt vermutlich gerade Ideen für neue Kunstwerke.

 

 

1 Kommentar 8.7.10 17:55, kommentieren