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Kirschernte

Wir sind wieder auf Dänholm gelandet, zurück am Ausgangspunkt unserer Reise. Doch hatte ich den Hafen nicht als ruhiges Plätzchen hier im Norden in Erinnerung?


Nun gehen hier seltsame, aufregende Dinge vor sich. Ich lag auf dem Deck unseres Vorschiffs und betrachtete die ab und an vorbeiziehenden Segelboote, als plötzlich ein Gefährt ganz anderer Art meinen Blick auf sich zog.


Es war ein kleines, stark motorisiertes Schlauchboot. Eher lang als breit und mit zweckmäßiger aber karger Ausstattung. Der hoch aufgestellte Edelstahlüberrollbügel blitzte.


Zwei grimmig aussehende Männer befanden sich an Bord. Die Ärmel der steif gebügelten, mit Epauletten besetzten Hemden waren hochgekrempelt. Einer bediente das Ruder, der andere hielt seine Rechte auf der Hüfte. Nach genauerem – wie ich hoffte unauffälligem – Hinsehen bemerkte ich, dass er den Griff einer Waffe umklammert hielt.

Ich suchte nach einem Erkennungsmerkmal, etwas, das mir einen Hinweis auf Zugehörigkeit, Zweck oder Absicht der Männer geben konnte. Nichts. Wasserschutzpolizei oder Bundesgrenzschutz waren wohl somit auszuschließen. Und auch wenn ich ein wirklich großer Fan von Bond und Helden ähnlicher Art bin, in diesem Moment wollte ich nicht daran glauben, solchen begegnet zu sein.


Das Schlauchboot verschwand zwischen zwei Stegen. Fast schon wollte ich mich damit abfinden, dass das Abenteuer, gerade begonnen, schon wieder vorbei sein sollte, als die beiden Männer zurückkamen.


Ihre Mimik, ihre Gestik bedeutete mir, dass sie etwas gefunden hatten. Dass sie zum nächsten Schritt ihres garantiert vorhandenen Plans übergehen würden.


Sie stoppten am Heck einer Segelyacht. Die Yacht war weder besonders groß noch besonders schön noch überhaupt in irgendeiner Art auffällig.
Mit schnellen, geschickten Handgriffen machten sie ihr Boot fest, kletterten ruck zuck auf  das Segelboot und verschwanden unter Deck.


Meine Gedanken überschlugen sich. Raub, Überfall, wenigstens Diebstahl, so schoss es mir durch den Kopf. Ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte, aber schon tauchten die beiden wieder auf. Nein – es waren drei!


Ein weiterer Mann stapfte zwischen den beiden bewaffneten über das Deck, nach hinten zum Schlauchboot. Er trug nur eine Jeans, die er sich gerade zuknöpfte. In seinem Gesicht stand Erschrecken und - Schuldbewusstsein.


„O weh, da fühlt sich einer ertappt“, dachte ich und sofort war der Gedanke an Gefahr verschwunden. Zumal der Mann sich durchaus freiwillig zum Schlauchboot geleiten ließ.


„Was hat er wohl angestellt?“ fragte ich mich weiter. Die Antwort war nicht schwer zu erraten, da in dem Moment eine junge Frau an Deck erschien. Sie zog ein weißes Laken um ihren Körper, darunter schien sie nackt zu sein.


Wehmütig und wohl auch traurig schaute sie dem kleinen Boot nach, das sich schon entfernte.


Ich stellte mir vor, wie in diesem Moment Erinnerungen vor ihrem geistigen Auge vorüber zogen. Wie sie und ihr Freund aufeinander trafen. Selten, aber wenn dann voller Leidenschaft. Sie mochte es, wenn er sie begehrlich küsste, dabei mit der Hand in ihre Haare griff und ihren Kopf zurück bog. Sie genoss seine Hände, die so gerne ihren Körper verwöhnten und liebte seine Erregung, die auch ihr Feuer immer noch mehr entfachte.


Das war nun vorbei. Seine Frau hatte ihre Wachhunde geschickt und er würde reumütig und klein versprechen, die sündhafte Beziehung sofort zu beenden.
Die halbnackte Gestalt zuckte bedauernd mit den Schultern. Wenig später legte sie mit ihrem Boot ab.


Ich gebe es gerne zu: meine Gedanken sind mit mir durchgegangen. Inspiriert von der künstlerischen Sommeraffaire auf Hiddensee sehe ich überall, wie von Nachbars Kirschen gepflückt wird.


Aber der Anblick zweier bewaffneter Männer, die hier durch den Hafen düsen, lässt Spielraum für viel Phantasie.

1 Kommentar 27.7.10 10:03, kommentieren

Inselmoral

„Nirgends ist man so jung, so froh und so frei wie auf dieser schönen Insel.“

Sie muss es gewusst haben. Sie, das war der berühmte Stummfilmstar Asta Nielsen, der wenige Meter von hier in seinem berühmten Haus „Karusel“ die Sommermonate der 20er Jahre verbrachte.

Ich denke oft an sie. So oft, wie ich an ihrem Haus vorbeikomme. Auf dem Weg zum Strand. Auf dem Weg vom Strand. Oder wenn ich den Deich entlang gehe von Vitte hierher zum Seglerhafen und mein Auge an dem lustigen runden Gebäude hängenbleibt.

„Hier wohnte die Sünde“, flüstere ich meinem Mann mit einem verstohlenen Blick in den kleinen grünen Garten zu. Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass Asta ihren Ringelnatz im Garten verführte. Sie hat ihn wohl dort empfangen, eine kühle Limonade oder einen leckeren Rotwein kredenzt. Zum einen, um zumindest den Anschein von Anstand zu wahren. Eher aber, um gedanklich die Vorfreude auf kommendes zu verlängern.

Was mag er wohl gedacht haben, wenn sie ihm dort im Garten am Tisch gegenüber saß? Der Träger ihres dünnen Kleidchens wie unbeabsichtigt über ihre Schulter rutschte? Hat er sich neben sie gesetzt, ihr einen zarten Kuss auf die soeben entblößte Haut gehaucht? Eine Hand ihre Beine entlang wandern, die Barriere des Rocksaums überwinden lassen?

Oder hat er, wie ein schneidiger Kutscher zu berichten weiß, nachts an ihre Tür geklopft? Ihre vom Mondschein beleuchtete Silhouette betrachtet, wie sie so da stand in ihrem Unterkleid, eine Hand noch auf der Türklinke? Hat er sich in diesem Moment überlegt, was er gleich mit ihr, sie gleich mit ihm tun wird?

Mein Mann zweifelt vernünftig ob der Gefahren einer drohenden Schwangerschaft in der damaligen Zeit. Mir jedoch fällt der Reisebericht eines gewissen Johann Friedrich Zöllner von 1795 über Hiddensee ein, in dem er berichtet, dass Knechte und Mägde sich eine Kammer mit eng aneinander stehenden Betten zu teilen hatten, es jedoch so gut wie nie zu unehelich geborenen Kindern kam.

Erzähle mir keiner, dass da jeder in seinem eigenen Bett gelegen hat, wenn der eisige Sturm um die undichte Hütte pfiff. Wenn das Gesinde schon im 18. Jahrhundert auf dieser Insel davon Kenntnis hatte, wie man sich gegenseitig warmhalten und gleichzeitig aneinander erfreuen kann, ohne schwanger zu werden, dann wussten auch Asta Nielsen und der gute Ringelnatz über derlei Möglichkeiten Bescheid.

Vielleicht aber war es ihnen auch einfach egal. Wie ihre Begegnungen in diesem Fall ausgesehen haben mögen, das überlege ich mir nachher ... auf dem Weg zum Strand.

 

1 Kommentar 21.7.10 16:56, kommentieren

Hafenlethargie

Das Boot liegt nun seit sechs Tagen bewegungslos und sicher in seiner Box im Hafen von Vitte.

Ich komme nicht umhin festzustellen, dass auch mich die Hafenlethargie befallen hat. Sie trifft wohl jeden, der mehrere Tage mit dem Boot auf einem Fleck bleibt.

Zwar beginnen die Tage früh. Schon gegen 7 Uhr herrscht auf den Stegen eine betriebsame Emsigkeit. Meist ist das Ziel das etwa 100 m entfernte Toilettenhäuschen. Doch schon gegen 9 Uhr, wenn die Morgenwärme allmählich ansteigt, bis sie nur mehr Hitze zu nennen ist, wenn das Frühstück vorbei, der Abwasch getan ist, dann kehrt Ruhe ein.

Habe ich mich in den ersten Tagen noch gewundert, dass das Ehepaar von gegenüber von morgens bis abends, Stunde um Stunde im Schatten seines Sonnensegels dalag und las? Habe ich dessen Reglosigkeit mit einer gewissen abschätzigen Überlegenheit belächelt? Mit meinen Plänen im Kopf, das weitläufige kulturelle Angebot der Insel zu nutzen? War ich beim „Singen im Park“, bei literarischen Wanderungen, Lesungen?

Die Radtour zum Leuchtturm bildet wohl den Höhepunkt meiner Aktivität hier auf Hiddensee. Und das auch nur, weil sie Bestandteil des alljährlichen Rituals ist.

Zu sehr lockt das Buch. Und wie viel bequemer ist das Lesen in unmittelbarer Nähe des Kühlschranks statt am Strand auf der zwar nahen aber immerhin gegenüberliegenden Seite der Insel!

Ich habe ein gutes Gewissen dabei: ich bin im Urlaub. Und ich schone meine Haut vor übermäßiger Sonnenbestrahlung.

Genaugenommen bietet mir der Genuss des leckeren Mittagsmahls, das mein Mann mit viel Liebe zubereitet hat, das genau benötigte Maß an Abwechslung.

21.7.10 10:51, kommentieren

Charaktere

Wie im alltäglichen Leben, so begegnen einem auch auf dem Wasser verschiedene und manchmal leicht zu kategorisierende Charaktere.

Es gibt Situationen, da kann der gemeine Bootsfreund sein wahres Naturell nicht verbergen. Z.B. beim Hafenmanöver, nicht ohne Grund gerne auch als Hafenkino bezeichnet.

Hafenmanöver gehören zu den großen Leidenschaften der Segler und Motorbootfahrer. Zumindest die Hafenmanöver der anderen. Und hier zeigen sich ganz klar zweierlei Charaktere: Diejenigen, die einem bei Einfahrt in den Hafen freundlich zunicken, gegebenenfalls auf freie Plätze aufmerksam machen und herbeieilen, um beim Anlegen behilflich zu sein.

Und es gibt die anderen. Diejenigen, die mit verschränkten Armen und unbeweglicher Miene breitbeinig auf ihren eigenen Booten stehen bleiben und jeden Handgriff, jedes Manöver mit einer dümmlichen Bemerkung kommentieren.

Der Erfolg ist ihnen gewiss: habe ich die Wahl, suche ich mir mein Plätzchen lieber neben einem sympathischen Zeitgenossen.

Eine andere Situation ist die Begegnung zweier Boote auf dem offenen Wasser.

Beschreibt es nicht die Seemannschaft und habe ich nicht in der Segelschule gelernt, dass die Mannschaften zweier sich begegnender Boote respektvoll begrüßen? Fühle ich nicht ein gewisses Einvernehmen mit dem anderen, der das gleiche Element bereist wie ich und dort her kommt, wo ich hin will?

Auf meiner Fahrt hierher nach Hiddensee beschlich mich der Verdacht, dass ich nicht alle Regeln der Begrüßung beherrsche. Oder sie womöglich zu großzügig anwende, wenn ich jedes Boot grüße.

Frage ich mich beispielsweise, warum der schwedische Segler meinen Gruß nicht erwiderte, so gibt es mehrere mögliche Antworten:

·      Segelboote grüßen keine Motorboote.

·      Schwedische Segelboote grüßen keine Motorboote.

·      Schwedische Segelboote grüßen keine deutschen Motorboote.

·      Schwedische Segelboote großen keine deutschen Motorboote mit Frau am Ruder.

Zumindest die erste Annahme kann ich aus Erfahrung ausschließen. Stellt sich die Frage: Hatten wir die falsche Nationalität, die falsche Antriebsart oder das falsche Geschlecht? Oder gibt es etwa doch keine derart differenzierten Regeln, die ich nicht kenne? Gehört die Mannschaft des schwedischen Segelbootes einfach zur Kategorie der unfreundlichen Wassersportfreunde?

 

1 Kommentar 21.7.10 10:48, kommentieren

Zeitrechnungen

Das Leben auf dem Wasser ist langsam.

Wir haben den Hafen, der uns in den letzten Tagen Schutz und Heimat bot, verlassen.

Auf der Suche nach klarem Wasser zum Schwimmen und der beschaulichen Einsamkeit einer kleinen Bucht passieren wir das Fahrwasser zwischen Rügen und dem Festland Richtung Hiddensee.

Man darf bei derlei Aktivitäten nicht die Maßstäbe alltäglicher Geschwindigkeit anlegen. Bereits die Vorbereitungen erfordern minutiöse Planung und Sorgfalt. Kühlschrank und Wassertank aufzufüllen gehören zu den grundsätzlichen und überlebenswichtigen Punkten der ToDo-Liste. Für den Kühlschrank wurde bereits gestern der Stralsunder Real-Markt geplündert. Zweimal, um genau zu sein. Denn doppelt hält bekanntlich besser.

Um den Wassertank zu füllen, war größerer Aufwand nötig, da der Wasserhahn sich am gegenüberliegenden Steg befand. Hieß: Sachen klarieren, ablegen, anlegen, Tanken. Damit waren schon einmal 1,5 Stunden vergangen.

Nun nehmen wir mit 11 km/h Kurs auf eine rotweiße Tonne, in deren Nähe wir den Anker auszuwerfen gedenken.

Wir haben somit einige Stunden für eine Strecke gebraucht, die wir im Alltagsleben mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in einem Bruchteil dieser Zeit zurücklegen. Boote, die uns mit 15 km/h entgegendonnern, werden schon der Kategorie „Rasende Pistensäue“ zugeordnet.

Ich verstehe nun, warum so viele Menschen jenseits des arbeitsgefüllten Lebensabschnitts ihre letzten Jahre an Bord eines Schiffchens verbringen: Sie haben mehr davon!

Um wie viel länger erscheinen die Jahre des Ruhestands, wenn sie in 11 statt in 100 km/h an uns vorüberziehen? Das Alter in Zeitlupe auf dem Wasser statt im Schnelldurchgang an Land zu verbringen, bedeutet einen reinen Gewinn von vielen Jahren. Und wenn reale zehn Jahre sich im irgendwann unausweichlich anstehenden Rückblick auf mein Leben wie 40 Jahre anfühlen, dann hat es sich doch vielleicht gelohnt Hab und Gut zu verhökern, um auf einem netten kleinen Boot über die Wasser zu schippern?

2 Kommentare 11.7.10 18:21, kommentieren

Wasserfreuden

Der vierte Tag meines Ostseesommerurlaubs ist angebrochen.

Ich schätze mich glücklich, diesen auf einer Motoryacht zu verbringen. Es verfügt über allerlei Komfort, den mein von der Zivilisation verwöhnter Körper zu schätzen weiß: Herd, fließend warmes und kaltes Wasser, WC, Dusche innen und außen, Kühlschrank und sogar eine Heizung. Auf letztere bin ich bei Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad im Boot bereit zu verzichten. Mit plötzlich einbrechenden Schneestürmen rechne ich nicht.

Auf den Einbau einer Klimaanlage hat der Bootsbauer verzichtet. Ich entbehre sie nicht. Die nähere Umgebung des Bootes bietet mir Abkühlung mit allen Raffinessen.

Naturidentisches Nass ringsherum. Der Originalfarbton, ein sattes Grünbraun, wurde bei der Auswahl beibehalten, um Schwimmelementen in diversen Pflanzenformen einen passenden Hintergrund zu verleihen.

Auch für Deko wird gesorgt. In regelmäßigen Abständen lassen Nachbarboote Salatblätter an fettigem Dressing zu Wasser. Wer mag, kann diese statt Slalomhütchen für die sportliche Betätigung verwenden.

Dann und wann drehen Motorboote endlos lange Runden. Die Abgaswolken der Zweitakter wabern über die Wasseroberfläche. Ganz klar, um den natürlichen Zustand der Wasseranlage zu erhalten, wird auf die Zugabe von Chlor verzichtet. Keine Bakterie wird eine Nase voll unverbranntem Benzin-/Ölgemisch überleben.

Einige Meter weiter spielt ein Vater mit seinem Fünfjährigen im dezent gesalzenen Wasser. Der Junge liegt auf dem Rücken des Mannes, umschlingt mit seinen Ärmchen dessen Hals. Auf Kommando holen sie tief Luft, tauchen unter und erst nach mehreren Sekunden wieder auf. Die beiden haben einen Mordsspaß.

Ich will auch Spaß. Badehose an und rein ins köstliche Nass!

1 Kommentar 10.7.10 17:31, kommentieren

Hafenerinnerungen

Das Leben hier im Hafen von Dänholm ist beschaulich. Selbst das trübe Wasser ist zu träge, um sich sichtbar zu bewegen. Würden die nachdrängenden Wassermassen des Strelasund nicht schubsend und drängend dafür sorgen, dass sie Einlass finden, würde nicht ab und zu ein vorbeischleichendes Boot winzige Wellen verursachen, ich könnte meinen, die Welt um mich herum stünde still.

Bewegung ist auf der großen blauen Brücke, die Rügen mit dem Festland verbindet. Aber selbst die Autos, die dort oben in die eine oder andere Richtung ihrem Ziel entgegenstreben, wirken von hier unten langsam und zögerlich.

So sehr ich die Ruhe hier mag, so gerne erinnere ich mich an Hafenszenen vergangener Zeiten. Ich sehe mich einige Jahre zuvor unter der Regenplane im Cockpit eines Internationalen Folkebootes sitzen. Es war ein verregneter Sommer. Kein Vergleich zu den sonnengetränkten Tagen, an denen ich mich in diesem Urlaub erfreue.

Noch heute sucht mich ein amüsiertes Erstaunen heim, wenn ich an die Mannschaft des Nachbarschiffes denke. Es war ein älteres Ehepaar – aus damaliger unter dreißigjähriger Sicht. Heute würde ich im Hinblick auf meine eigene schon sehr fortgeschrittene Jugendlichkeit etwas wertefreier formulieren: Sie waren wenige Jahre jenseits der 50.

Ich verbrachte fast eine Woche dort im Hafen von Klintholm und schon nach kürzester Zeit begann mich das stundenglasgenaue Treiben auf dem Nachbarboot zu faszinieren.

Der Tag begann pünktlich um 7:15 Uhr mit dem feierlichen Entrollen und Aufstecken der Nationalfahne, unter Yachtsportlern liebevoll Adenauer genannt. Natürlich vom männlichen Teil der Mannschaft, derweil der weibliche Teil zunächst flugs den Kaffee zubereitete. Kaum war der Adenauer gemäß den allen Seeleuten bekannten Maßgaben ordnungsgemäß am Boot befestigt, konnte der Mann sich nun beruhigt, sogar sichtlich entspannt, der ersten Tasse Kaffee widmen. Das Boot befand sich der Etikette gemäß in einem einwandfreien Zustand.

Ich gebe zu, damals war ich mehr als verwundert, dass dieses gewienerte und mit aller erdenklichen Liebe gepflegte Schiffchen eine so dermaßen zerschlissene Nationalfahne zur Schau stellte. Das kleine Handbuch für den Yachtsport gab mir aber schnell Auskunft: Unter Fahne versteht man ein Stück Tuch, das an einem Stock befestigt wird. Die Fahne wird getragen oder aufgestellt und nicht erneuert, sondern in ihrer ursprünglichen Form so lange wie möglich aufbewahrt, da sie in ihrer Gesamtheit ein Symbol darstellt.

Kein Grund also, dem auf alle Sorgfalt bedachten Mann auch nur im verborgendsten Winkel meiner Gedanken Nachlässigkeit anzukreiden.

Für die erste Tasse Kaffee blieb dem guten Mann nach dieser wichtigen Amtspflicht genau bis 7:30 Uhr Zeit, dann stand das Frühstück auf dem Tisch und auch die Frau durfte sich endlich niedersetzen. Exakt zwei Stunden gaben die beiden sich dem Mahl und diversen Zeitungen hin. Dann gab es ein Signal. Welches, das habe ich in der ganzen Woche nicht herausfinden können. Es muss aber eines gegeben haben, denn um Punkt 9:30 Uhr sprangen beide auf und trugen das Geschirr ins Innere ihres Bootes. Weitere zehn Minuten später ertönte das laute Tösen des Staubsaugers. Jeden Tag. Jeden Morgen um 9:30 Uhr und genau 25 Minuten lang.

Es konnte nur eine einzige Unterbrechung geben: Hatte es bereits geregnet und gab es innerhalb dieser 25 min eine Unterbrechung des Regenschauers, stürmten beide mit je einem trockenen Tuch bewaffnet an Deck, um es trocken zu wischen. Nicht nur das Deck erfuhr diese liebevolle Zuwendung. An den Wanten und Stagen streckte der Mann sich zur ihm größtmöglichen Höhe, um diese, so weit bzw. hoch es ihm möglich war, zu trocknen.

Das ganze hatte fast den Anschein eines Wettkampfes, gab es doch mindestens stündlich Regenschauer. Jeder Wassertropfen musste von dem Paar unverzüglich beseitigt werden.

Wenn nun also die größte Attraktion dieses Tages die Jugendlichen sind, die am gegenüberliegenden Steg ein Wettspringen ins Wasser veranstalten, dann schließe ich meine Augen. Ich stelle mir vor, wie das Paar aus Klintholm gerade sorgenvoll den Himmel nach Regenwolken absucht und erfreue mich an meiner eigenen Unbekümmertheit bezüglich derartiger Herausforderungen.

1 Kommentar 9.7.10 18:37, kommentieren